Gastbeitrag: Gedanken eines Kindersoldaten
Hier sitze ich und denke.
Wenn ich in den Spiegel sehe, sehe ich dein Gesicht. In Albträumen verfolgst du mich mit meinem alten Gewehr in der Hand. In meinen Träumen höre ich immer noch deine Stimme, all deine schönen Worte, die mich dazu brachten, mein Blut für dich zu vergießen.
Ich spielte dein Spiel, ohne die Regeln zu kennen.
Während dein Gesicht immer mehr zu strahlen begann, wurde meines immer grauer. Grau, weil ich zu erschöpft war, um es zu waschen. Weil das Gewehr, das du mir in die Hand gabst, schwer auf mir lastete und mich hinabzog.
Während ich deine schmutzige Arbeit erledigte, fragte meine Seele: warum? Nur du kanntest die Antwort. Du zogst dich in dein sicheres Versteck zurück, zu dem ich keinen Zugang hatte.
Die Fragen meiner Seele mögen dich erschreckt haben, denn deine Leibwächter erhielten den Befehl mich gefangen zu nehmen und meine Seele zu rauben. Nur weil du es mit der Angst bekamst. Du machtest mich zum Flüchtling in meinem eigenen Land. Deine Waffen waren gegen mich gerichtet.
Meine Stimme rief nach dir, aber du wolltest sie nicht hören. Die Jagd war bereits in vollem Gange.
Jetzt hast du den Gipfel der Macht erklommen, bis von allem umgeben, wonach du gehungert hast. Aber kennst du meinen Namen?
Warum, glaubst du, wollen wir nicht mehr mitspielen? Warum? Ich weine so oft, warum? Reckte ich meine Waffe nicht hoch genug für dich? Kämpfte ich nicht tapfer genug in deinem Krieg? Du bekamst, was du wolltest. Und was bekamen wir? Was wurde aus all deinen Versprechungen? Zu viele Jahre habe ich versucht eine Antwort zu finden.
Warum hörst du die Schreie nicht mehr? Liegt es an den hohen Mauern, die dich umgeben? Liegt es an den bewaffneten Menschen, die dich umgeben, Tag und Nacht? Liegt es daran, dass du dich nicht mehr an uns erinnerst? Erinnerst du dich nicht mehr an die Kinder, denen du ein neues Leben und eine Zukunft versprachst? Damals – erinnerst du dich? - damals, als sie es am dringendsten brauchten, damals, hinter den feindlichen Linien, als du vor ihnen standest.
Viele sind gefallen. Wie lautet deine Antwort? Das war nicht so schlimm, sagtest du. Was sagtest du zu den Eltern, die nach ihren Kindern suchten? Hätte ich damals bloß gewusst, was ich jetzt weiß.
Ich legte mein Leben in deine Hände – als schliefe ich neben einem Löwen. Und wer neben einen Löwen schläft wird vielleicht schon am nächsten Morgen gefressen.
(…)
Dein Kindersoldat
Bildquelle: flickr.de/bixentro
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