Leben ohne Geld
Für viele Menschen wäre eine solche Lebensweise nicht vorstellbar. In unserer Welt ist die Abhängigkeit des Menschen vom Geld tief verwurzelt, so dass der Gedanke vom Leben ohne Geld absurd anmutet. Absurd? Nein. Es gibt sie, die Aussteiger, diejenigen, die bewusst für sich entschieden haben, der konsum – und geldorientierten Welt den Rücken zu kehren und beim globalen hyperkapitalistischen Raffprozess nicht mehr mitzumachen, teilweise und/oder im Sinne eines Projekts mit positiven, individuellen Veränderungen. Manche von ihnen verstehen ihr Verhalten als Protest, andere von ihnen verstehen es als eine Lebensphilosophie und wieder andere als Anfang eines Veränderungsprozesses. Was sie aber alle gemeinsam haben, ist die Tatsache, dass sie bei sich selbst begonnen haben, nachzudenken, Einstellungen zu modifizieren und demnach zu handeln.
Zum Leben ohne Geld gehört im Wesentlichen die Neugestaltung des Konsumverhaltens. Insbesondere im Bereich Lebensmittel werden über 50 % weggeworfen. Angesichts der Massenproduktion und ihre Auswirkungen auf Mensch, Tier und Umwelt, eine wahre Schande. Das so genannte Containering stellt sich gegen Massenkonsum und Wegwerfmentalität, indem ihre Anhänger, zumeist nachts, von Müllcontainer zu Müllcontainer ziehen und dort nach Nahrungsmitteln suchen, die aber durchaus und in vollem Umfang noch genießbar sind. So mancher rümpft bei der Vorstellung die Nase in fauligen Essensresten herumzuwühlen und somit auch dem Gestank ausgesetzt zu sein. Das ist aber gar nicht immer so. Zumeist werden Container von Supermärkten aufgesucht. Supermärkte werfen oft ganze Ladungen an sogar noch verpackten Lebensmitteln weg, so dass sich die Geruchsbelästigung durchaus in Grenzen halten kann. Herausgefischt werden Joghurts, die gerade eben das Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht haben, Obst mit Druckstellen oder Gemüse, was dem durchaus verwöhnten Supermarktbesucher nicht mehr frisch genug erscheint. Die Gemeinschaft des Containerings wächst zusehends, nicht nur in Deutschland, sondern auch vor allem in Großstädten im Ausland. Es handelt sich bei diesen Menschen aber nicht zwangsläufig um Obdachlose oder generell sozial Bedürftige, mittlerweile erreicht das Containering als Protestform viele Gesellschaftsschichten. Gesagt sei, dass das Containering in Deutschland im Regelfall als Diebstahl gewertet wird.
Ein Leben ganz ohne Geld führt Heidemarie Schwermer. Aufgrund der Absurditäten unseres Weltsystems entscheid sie sich vor vielen Jahren zu dem Schritt, dem Geld völlig zu entsagen. Sie setzt auf inneren Reichtum anstatt den äußeren Reichtum anzustreben und zu erhalten und fühlt sich befreit aus der Abhängigkeit. Frau Schwermer hat schon 1994 die Gib und Nimm Zentrale, ein Tauschring, in Dortmund gegründet. Geld spielt bei einem Tauschring keine Rolle. Es wird eben getauscht, also Dienstleistungen, Waren und Fähigkeiten. Sie fühlte sich derart ermutigt, dass sie daraufhin all ihren Besitz aufgab und begann den Besitz von Mitgliedern aus dem Tauschring zu hüten, z.B. wenn diese verreisten. So hatte sie immer ein Dach über dem Kopf. Alles andere, was sie zum Leben benötigt, erhält sie durch Tauschgeschäfte. Frau Schwermer ist nun nicht mehr in dem Tauschring unterwegs, sondern tauscht mit jedem überall. Wer sich mit ihrem interessanten Ansatz, ihrer Gedankenwelt und ihrer Idee des Gib und Nimm Spiels beschäftigen möchte, kann das hier tun. Wer sich auch gerne mit der Idee eines Tauschrings auseinander setzen möchte, findet hier neben Informationen auch ganz viele Adressen von lokalen Tauschringen nach Postleitzahlen sortiert.
Ein sehr extremes Projekt wagte der Brite Mark Boyle. Er hat nicht nur dem Geld entsagt, sondern sich auch dazu entschlossen, alles, was er benötigt, selbst herzustellen und eine absolute Do-it-Yourself – Idee zu leben. In einem geschenkten Wohnwagen wohnt er seit nun ungefähr drei Jahren ohne für uns notwendig erscheinende Produkte wie z.B. Toilettenpapier oder Zahnpasta. Alles, was er zum Leben benötigt, stellt er selbst her und sammelt und bastelt es aus dem, was die Natur ihm zur Verfügung stellte. Nahrungsmittel baut er selbst an oder sammelt sie im Wald und als Gegenleistung für die Nutzung des Stellplatzes für den Wohnwagen hilft er auf einem Bio-Bauernhof aus. Die einzigen elektrischen Geräte, über die er verfügt, sind ein Handy, mit dem er aber nur Anrufe empfangen kann, und ein Laptop. Zum Aufladen und Benutzen der Geräte und damit er Licht hat, installierte er zuvor Solarzellen auf dem Dach des Wohnwagens. Er gewöhnte sich erstaunlicherweise schnell an dieses Leben und hat eine erhebliche innere Veränderung mitgemacht, was wohl der Aussage von Heidemarie Schwemmer entsprechen dürfte, wenn sie von einem inneren Reichtum spricht.
Heidemarie Schwemmer im Interview.
Ein paar Bilder von Mark Boyle.
/image%2F0050462%2F201208%2Fob_cacae2_bruchpfau-logo-pfauenfeder.jpg)