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Bruchpfau

Ich – der Lebensmittelkonsument

5. April 2012 , Geschrieben von Alex Veröffentlicht in #Konsum & Umwelt

Ich kann in den Supermarkt gehen. Jeden Tag. Auf 34 Millionen Quadratmetern in Deutschland. Ich bekomme dort alles was ich möchte. Alles in immer gleicher Qualität. Und alles ist immer da.  Dank der Globalisierung gibt es Bananen aus Südamerika, Kaffee aus Afrika, Rindersteaks aus Argentinien. Importierte Erdbeeren im Winter, Wurst aus Spanien und Ungarn, Käse aus der Schweiz und aus Italien, Fisch aus Alaska und Südostasien und  Tee aus Sri Lanka und Malaysia.

Ich will  keine kleinen Kartoffeln. Ich will keine kleinen Scheiben Wurst. Tomaten müssen immer gleich rot sein und Gurken immer gerade. Ich will keine Ware, die fast abläuft.

Dass die Industrie mir durch Werbung ein falsches Bild davon vermittelt, auf was es bei Nahrungsmitteln ankommt, weiß ich nicht.

Ich ärgere mich darüber, dass ständig alles teurer wird. Die wollen mir doch nur das Geld aus der Tasche ziehen. Ich kaufe deswegen meistens Angebote. Ich gehe auch gerne zum Discounter. Da ist die Qualität nicht so gut, aber es geht ja auch hauptsächlich darum Geld zu sparen.

Wie es möglich ist, Lebensmittel für so wenig Geld anzubieten, frage ich mich nicht. Ich sehe nicht, unter welchen grausamen Bedingungen eine riesige, auf größtmöglichen Profit ausgerichtete Tötungsindustrie Schweine, Rinder, Hühner und Puten unter Einsatz großer Menge Medikamenten und Chemie wie am Fließband in Rekordtempo züchtet, um sie anschließend zu töten.

Ich denke nicht darüber nach, dass Ferkel ohne Betäubung kastriert werden und ihnen ohne Betäubung Teile des Schwanzes und der Ohren abgeschnitten werden. Es interessiert mich nicht, dass auch Küken ohne Betäubung ein Stück ihres Schnabels abgeschnitten bekommen. Ich weiß nicht, dass in auf Legehennen spezialisierten Betrieben alle männlichen Küken aus Profitgründen vergast werden, weil sie nicht für die Fleischproduktion zu gebrauchen sind, weil es dafür extra Betriebe mit Extra Fleisch-Rassen gibt.

Ich esse gerne Fleisch. Am liebsten jeden Tag. Es schmeckt mir. Und ich genieße es. Dass man für die Produktion von 1kg Rindfleisch 15.000 Liter Wasser benötigt, für die Produktion von einem Kilo Weizen hingegen nur 1300 Liter, weiß ich nicht. Dass man für die Fleischproduktion 7 mal so viel Agrarfläche wie für die Produktion von Getreide braucht, interessiert mich nicht.

Ich habe keine Ahnung, dass alle drei Sekunden auf der Welt ein Mensch, meist ein Kind an Hunger stirbt, meistens Kinder, obwohl auf der Welt genug Lebensmittel produziert werden, um alle Menschen satt zu bekommen. Ich frage mich nicht, warum trotzdem nicht alle satt werden.

Ich möchte Geld bei dem Kauf Lebensmitteln sparen um es für ein neues Auto auszugeben.

Und für ein neues Handy. Und teure Markenklamotten. Dass riesige, internationale Konzerne in Afrika, Indien, Brasilien und anderen armen und ärmsten Ländern der Welt die Ackerflächen der Kleinbauer kaufen oder sich einfach aneignen, um dort auf den maximalen Profit ausgelegte Monokulturen zu pflanzen und dadurch die Kleinbauern in noch größere Armut und noch größeren Hunger treiben weiß ich nicht.

Ich möchte im Supermarkt frischen Fisch an der Fischtheke bekommen. Und ich möchte die Sorte, auf die ich Lust habe. Ich möchte große Auswahl. Wie viel von den anderen Sorten weggeschmissen wird, ist mir egal.  Alles soll immer gleich aussehen. Und immer gleich schmecken. Und ich habe kein Verständnis, wenn ein Artikel mal nicht da ist. Ich nehme nur die Sachen ganz hinten aus dem Kühlregal. Die sind länger haltbar. Und alles was abläuft, will ich nicht kaufen und zuhause schmeiße ich alles Abgelaufene weg.

Dass die Artikel noch lange nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums verzehrfähig sind, weiß ich nicht.

Dass schätzungsweise eine Milliarde Menschen auf der Welt hungern, habe ich noch nicht gehört.

Ich habe noch nie gehört, dass in Deutschland jährlich 20 Millionen Tonnen Lebensmittel vernichtet werden. Ich habe noch nie gehört, dass Kartoffeln aussortiert werden und wieder auf dem Feld landen, wenn sie zu groß oder zu klein sind. Farbskalen für Tomaten? Noch nie gehört. Vorgaben für Größe und Länge von Bananen? Und sogar für die Anzahl der Bananen an einer Staude? Das ist mir unbekannt.

Dass es in unserem Land nicht mehr darum geht, hungrige Menschen satt, sondern satte Menschen hungrig zu machen, habe ich nicht verstanden. Ich begreife nicht, dass der Lebensmittelhandel und die Industrie Bedürfnisse in mir generiert, die ich gar nicht habe, Verbrauchererwartungen beeinflusst  und Wahrheiten verschleiert. Dass ganze Wirtschaftszweige sich mit Erforschung und Manipulation meiner Bedürfnisse befassen, weiß ich nicht. Ich habe keine Ahnung von dem Ausmaß der Verbrechen, die tagtäglich an Menschen, an den Tieren und an der Umwelt begangen werden, nur um mir günstige Lebensmittel in der riesigen Auswahl anzubieten, wie ich sie in jedem Lebensmittelgeschäft finde. Ich weiß nicht, welches Leid, welche Ungerechtigkeit, welche Umweltverschmutzung und welche egoistischen und gierigen Interessen Einzelner hinter den schillernden Farben der Lebensmittelverpackungen stecken. Ich will es auch nicht wissen.

Ich informiere mich nicht. Ich verschließe weiterhin meine Augen. Es wird schon gut gehen In was für einer Welt meine Kinder leben sollen? Darüber mache ich mir keine Gedanken. Was mit den Millionen hungernder Menschen auf der Welt passieren soll? Dass sich alles nur um Profit und noch mehr Profit dreht? Das sind keine Fragen über die ich nachdenken möchte. Ich will auch nicht darüber nachdenken, dass Profitgier, Hunger und Armut ein Symptom eines grundlegend falschen Systems sind. Ich sehe die Zusammenhänge nicht. Ich denke nicht nach. Ich lasse mich weiterhin manipulieren.

Ich bin Verbraucher. Einer von 82 Millionen in Deutschland.  Einer von 1,9 Milliarden in den Industrienationen. Ich habe es in der Hand, etwas zu ändern. Es liegt an mir nachzudenken und der Ursache für das Leid, die Ungerechtigkeit, den Hass und den Schmerz in mir selbst auf den Grund zu gehen. Aber ich tue es auch weiterhin nicht. Oder etwa doch?

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